07.05.2015 rss_feed

Transparenz beim Fleischeinkauf oder Verbraucherverdummung?

Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen fordert in einem Antrag (18/4812) die Bundesregierung dazu auf, sich bei der Entwicklung eines entsprechenden Entwurfs für die Fleischkennzeichnung an der bekannten und bewährten Kategorisierung von Schaleneiern zu orientieren. Die Kennzeichnung soll den Verbrauchern bei der Auswahl helfen, Fleisch aufgrund der Haltungsbedingungen zu kaufen.

Mit Tierschutz hat das wenig zu tun und wird von Experten als reiner Populismus kritisiert. Nicht nur, weil die Legehennenhaltung nicht mit der Schweinehaltung vergleichbar ist, sondern auch, weil vermeintlich tierschutzgerechte Stallhaltungssysteme bei näherem Hinsehen tatsächlich wenig mit Tier- und Umweltschutz oder Produktqualität zu tun haben.

Die Fakten sind:

  1. Im Gegensatz zur Geflügelbranche handelt es sich bei den Betrieben der Rinder- und Schweinehaltung i.d.R. um gewachsene Familienbetriebe mit unterschiedlichen Stallbauformen auf einem Betriebsstandort. Systembauställe, wie in der Geflügelhaltung üblich, findet man weder in der Schweine- noch der Rinderhaltung. Eine Stall individuelle Zuordnung gemäß vorgeschlagenem Kennzeichnungssystem scheidet damit aus.

  2. Die vorgeschlagene Kennzeichung nimmt eine Klassifizierung vor, die sich nicht mit Forschungsergebnissen zur Einführung von sog. Tierschutz-Indikatoren decken. Eine Haltungsform kann immer nur vom Tier her beurteilt werden. Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass es ebenso tierschutzgerechte und -widrige Ökostallbausysteme gibt wie auch konventionelle Haltungsverfahren. Dasselbe gilt für die Auswirkungen einer Flächengestaltung je Tier bzw. Stallbausysteme gemäß den Vorgaben der Tierschutznutztierhaltungs-Verordung. 

  3. Die vorgeschlagene Kennzeichnung nimmt eine Bewertung vor, die wissenschaftlich weder gerechtfertigt noch seuchenhygienisch zu empfehlen ist. Vor dem Hintergrund der aktuellen ASP-Situation in Osteuropa hat die EU-Kommission den Mitgliedsstaaten explizit die Möglichkeit eingeräumt, Haltungsverfahren mit geringer Biosicherheit zu schließen.

  4. Die vorgeschlagene Kennzeichnung ist einseitig, weil Aspekte der Nachhaltigkeit (insbesondere der Ökonomie und des Umweltschutzes), keine Berücksichtigung finden und somit den Bemühungen der Bundesregierung um die Etablierung der besten verfügbaren Technik (siehe KTBL-Schrift Nr. ) zuwider läuft.

  5. Bei der vorschlagenen Kategorisierung erfolgt eine Wertung, die nicht gerechtfertigt ist. Die nationalen Vorgaben weit über EU-Niveau bleiben unberücksichtigt.

  6. Die vorgeschlagene Kategorisierung forciert den Strukturwandel durch Abstockung des Tierbestandes (30 % mehr Fläche) und erhöht die Fleischimporte.

  7. Es werden rd. 12 Millionen Ferkel importiert, die bei der Kategorisierung aus Wettbewerbsgründen nicht berücksichtigt werden können. Dies führt zu weiteren Wettbewerbsverzerrungen und Betriebsaufgaben.
Erst ökonomisch widersinnige Diskussionen um Bestandsobergrenzen, jetzt eine praxisfremde Haltungskennzeichnung in Anlehnung an die Eierkennzeichnung. Praxisfremder kann Politik nicht sein. Zumindest kann man aus der Legehennenhaltung lernen. Dort ist der deutsche Selbstversorgungsgrad massiv eingebrochen, und es müssen fast 7 Mrd. Eier zur Versorgung der deutschen Verbraucher importiert werden.

Fahren die "Grünen" die deutsche Landwirtschaft womöglich wirklich vor die Wand? Landwirtschaftsminister Schmidt scheint mit seinen dänischem und niederländischen Kollegen schon weiter zu sein: Tierwohl darf nicht vor Ländergrenzen halt machen!

Unabhängig davon werden i.d.R. alle europäischen und nationalen Gesetzesvorhaben von sozioökonomischen Folgenabschätzungen begleitet, u.a. um sicher zu stellen, dass der Strukturwandel nicht weiter forciert wird und um die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft zu bewahren. Ideologische Grabenkämpfe haben in der Wirtschaft nichts verloren!

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