10.09.2013rss_feed

Neue Grünen-Studie verschweigt Fakten

Am Wochenende wurde den Medien ein neues Gutachten präsentiert. Es warnt u.a. vor den Risiken einer Resistenzübertragung durch Fleischverzehr.
Nicht schon wieder, mag der unbedarfte Leser denken. Erst Anfang des Monats hatte eine sog. Qualzucht-Studie für Aufsehen gesorgt, die im Auftrag der Grünen erstellt worden sein soll. Entsprechend harsch fiel eine Bewertung durch unabhängige Fachexperten aus.

Bei dem neuen Gutachten mit dem Titel Folgen des massenhaften Einsatzes von Antibiotika in Human- und Veterinärmedizin handelt es sich um ein Gutachten im Auftrag von Bündnis90/Die Grünen, bei der diesmal Dr. med. Angela Spelsberg, S.M., Epidemiologin und ärztliche Leiterin am Tumorzentrum Aachen e.V. zu Wort kommen darf. Mit Vorwürfen, die teilweise berechtigt sind, aber auch wichtige Fakten verschweigt, z.B. dass Vegetarier häufiger resistente Keime im Darm beherbergen oder dass der Antibiotikaeinsatz in der Humanmedizin steigt, in der Veterinärmedizin aber sinkt.

Richtig stellt die Autorin auf Seite 25 klar: Medizinische Fachgesellschaften und Behörden  haben Richtlinien und Empfehlungen verabschiedet, um den unsachgemäßen Antibiotikaeinsatz in der Humanmedizin zu verringern, der als eine der Ursachen für die dramatische Entwicklung der Antibiotikaresistenz angesehen wird, wie nationale und internationale Surveillance Daten zum Antibiotikaeinsatz in der Humanmedizin zeigen. Dies wird mit Quellen gut belegt. Jährlich sterben 20.000 Menschen an mangelhafter Krankenhaushygiene.
Belege fehlen dagegen für die Unterstellungen auf Seite 31: Ein Zusammenhang mit der Größe der Tiermastbetriebe ist ebenfalls anzunehmen. Ein rein therapeutischer Verbrauch der verabreichten Antibiotika in der Veterinärmedizin erscheint eher unwahrscheinlich, obwohl seit 2006 der Einsatz von Leistungsförderern in der Tiermast verboten ist.

In diesem Zusammenhang sei auf die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage zum Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung verwiesen, die einen derartigen Zusammenhang nicht erkennt (Drucksache 17/6908). Dort heißt es: Es gibt derzeit keine Studien, die einen solchen Zusammenhang belegen. Die Beziehungen zwischen Arzneimitteleinsatz und Bestandsgröße stellen sich nach den derzeit vorliegenden Erkenntnissen uneinheitlich dar. Bei jeder Betriebsform steht die Hygiene und das Haltungsmanagement im Vordergrund, um Infektionskrankheiten zu vermeiden.
Nicht unerwähnt bleiben sollte auch der Hinweis österreichischer Forscher, die Heimtieren eine evidentes Risikopotential bei der Übertragung von resistenten Keimen zuschreiben.

In einer Stellungnahme zu vermeintlichen Funden von resistenten Keimen AUF Hähnchenfleisch hat das BfR bereits am 10.01.2012 festgestellt: Der Fund von derartigen resistenten Keimen auf Hähnchenfleisch ist keine neue Erkenntnis. ….. Bisher sind nur wenige Fälle beschrieben, bei denen eine MRSA-Infektion des Menschen auf Lebensmittel zurückgeführt werden konnte. In den wenigen bekannten Fällen waren die Lebensmittel durch infizierte Personen verunreinigt worden.

Im Gutachten wird leider auch nicht auf die Vielzahl an resistenten Stämmen (rd. 6.000) eingegangen oder deren Verbreitung. Dabei ist diese Unterscheidung für die Risikobeurteilung enorm wichtig. Die verschiedenen MRSA-Typen werden oft in der öffentlichen Diskussion nicht unterschieden, dabei ist ihr Gefahrenpotential stark unterschiedlich. So kommt die besonders gefährliche Komponente, das Panton-Valentine Leukozidin (PVL), das häufig Ursache für besonders schwere Krankheitsverläufe ist, nicht bei den Tier-assoziierten (LA)MRSA vor. Außerdem zeigte sich, dass den in Schweinen vorkommenden MRSA-Stämmen das Gen fehlt, das für die Resistenzentwicklung gegen eines der wichtigsten noch wirksamen  Antibiotika verantwortlich ist.


Das Gutachten berücksichtigt nicht aktuelle Diskussionen, die die besondere Bedeutung sog. Reserveantibiotika für die Ausbreitung von Resistenzen betonen. Insbesondere die Ausbreitung der MRSA soll dadurch begünstigt werden. Reserveantibiotika werden aber in der (deutschen) Veterinärmedizin kaum verwendet, wohin gegen in der Humanmedizin jedes zweite Antibiotikum ein Reserveantibiotikum ist.

Bedauerlicherweise nennt das Gutachten auch falsche Antibiotikamengen, die in Veterinär- und Humanmedezin eingesetzt werden. Dabei gibt es dazu diverse Veröffentlichungen, u.a. von den Krankenkassen. 2012 sollen in der Humanmedizin rd. 379 Millionen Tagesdosen mit Antibiotika verschrieben worden sein - deutlich mehr als 1.600 Tonnen (AOK 2004).
Was eigentlich nicht schlimm wäre, wenn nicht 80 Prozent der Deutschen, die einmal im Jahr Antibiotika einnehmen müssen, offenbar gar nicht wissen, was sie da genau schlucken und wogegen. Bei 40 bis 60 Prozent der Antibiotika-Rezepte handelt es sich um Fehlverordnungen und viele Menschen nehmen die Medikamente vollkommen falsch ein. Unabhängig davon wird eine Tonnen-Ideologie der Resistenzproblematik nicht gerecht. Diese Art von Diskussion lenkt von tatsächlichen Problemen und Lösungsmöglichkeiten ab.

Völlig ungeklärt ist derzeit eine Beobachtung, dass Vegetarier und Babys mehr resistente Keime in ihren Eingeweiden beherbergen als Fleischesser, wobei lt. Studie eher die Reise- als die Essgewohnheiten verantwortlich für das Phänomen sein könnten. Dagegen wiederum sprächen die Erfahrungen aus dem bedauerlichen EHEC-Einbruch nach Sprossenverzehr. Wissenschaftler mahnen daher auch, Obst und Gemüse vor dem Verzehr zu schälen oder gründlich zu waschen, um nicht nur Lebensmittelmittelinfektionen zu vermeiden sondern um auch die Aufnahme und Verbreitung resistenter Keime zu verhindern.

Offensichtlich ist auch die häufige Behauptung pandemischer MRSA-Klone nicht zutreffend. Genomische Untersuchungen zeigen lediglich, dass

  • die bisherige Typisierung zur Aufklärung von Infektketten nicht ausreicht. Eine zuverlässige Identifikation ist nur auf der Basis von SNP's möglich.
  • Infektionen, lokale Ausbrüche und regionale Epidemien hinterlassen Spuren in den Genomen der Erreger, die man künftig anhand von epdimiologischen Modellen und populationsgenomischer Analysen rückverfolgen kann. Das wiederum erlaubt Vorhersagen über den Erfolg möglicher Gegenmaßnahmen.
  • Schon heute muss zwischen tier- und humanassoziierten MRSA-Stämmen unterschieden werden. Durch die neue Methodik sind noch differenziertere Aussagen zur Herkunft einer MRSA-Infektion möglich.

Und wenn schon von Gegenmaßnahmen gesprochen wird: alle echten Experten sind sich einig,  dass die Resistenzproblematik nur gemeinsam von Human- und Veterinärmedizin und Länder übergreifend lösbar ist. Für eine Polarisierung zu Lasten der Veterinärmedizin ist das Thema viel zu ernst. Dass auch kommunale Kläranlagen eingebunden werden sollten, zeigen die steigenden Medikamentencocktailfunde im Abwasser.

Immerhin gibt es erste Erfolge zu melden.
Die zahlreichen Initiativen und Forschungsprojekte zur Etablierung praktikabler und funktionierender Tiergesundheitsmanagementsysteme, die Hygienemaßnahmen, eine verstärkte Infektionskontrolle und die Optimierung von Haltungs- und Managementbedingungen beinhalten, scheinen zu greifen: in der Veterinärmedizin sinken die Resistenzen. Aber auch deutsche Kliniken machen mit stringenten Hygienemaßnahmen nach holländischem Vorbild gute Erfahrungen.



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