Über 140 Jahre Deutsche Holsteinzucht - Wie alles begann

Die 10 Jahre alte Schwarzbunte Kuh Primel wurde 1975 auf der 3. Nationalschau in Oldenburg zur schönsten Kuh gekürt

Die 10 Jahre alte Schwarzbunte Kuh Primel wurde 1975 auf der 3. Nationalschau in Oldenburg zur schönsten Kuh gekürt

In Deutschland wurde die erste offizielle Stammzuchtgenossenschaft 1876 in Fischbeck in der Altmark gegründet. Das Ziel war, reinblütige Zuchtstiere der schwarzbunten Niederungsrasse einzusetzen und so diese Rasse in Reinzucht zu entwickeln. Die Zahl der regionalen Züchtervereinigungen und Zuchtgenossenschaften wuchs fortan immer stärker, um sich in späteren Jahren zu größeren Organisationen neu zu formieren. Bis heute sind viele einflussreiche Kuhfamilien erhalten geblieben, deren Stamm-Mütter auf die ersten Eintragungen in die Herdbücher norddeutscher Zuchtregionen zurückgeführt werden können.

 


In den meisten Zuchtorganisationen wurden schwarzbunte und rotbunte Tiere zunächst im gleichen Zuchtbuch geführt und das Zuchtziel für beide Farbrichtungen war identisch. In späterer Zeit erfolgte dann die Gründung von Zuchtverbänden, die nur für Schwarzbunte oder Rotbunte zuständig waren.




Weidende Milchrinderherde in Ostfriesland, eine Region mit großer Bedeutung für die Holsteinzucht (Foto: Mohaupt)

Weidende Milchrinderherde in Ostfriesland, eine Region mit großer Bedeutung für die Holsteinzucht (Foto: Mohaupt)

Durch die Weltkriege wurde die Arbeit der Zuchtverbände stark beeinträchtigt. Allerdings nahmen die Herdbuchgesellschaften dank des Einsatzes passionierter Züchter ihre Arbeit immer wieder auf, um somit den Fortbestand der deutschen Holsteinzucht und ihrer Qualitäten zu sichern. Diese Entwicklung verlief parallel in der BRD und der DDR.


Um die Mitte der 60er Jahre intensivierte sich die Zusammenarbeit zwischen Zuchtorganisationen und Besamungsstationen, um den weiteren Zuchtfortschritt zu sichern. Diese Strukturentwicklung setzte sich fort, so dass immer größere Besamungszuchtorganisationen heranwuchsen. Nach der Wiedervereinigung gelang es auch in den neuen Bundesländern, die Rinderzucht nach dieser Strategie neu zu formieren. In der Zwischenzeit hatten sich die Zuchtziele zwischen Schwarzbunt und Rotbunt so stark angenähert, dass 1996 ein gemeinsames Zuchtziel für schwarzbunte und rotbunte Holsteins festgelegt wurde.

 

 


Das genomische Zeitalter

Kälber und Kühe mit einem kleinen, weißen "Knopf" im Ohr sind typisiert (Foto: D. Warder)

Kälber und Kühe mit einem kleinen, weißen "Knopf" im Ohr sind typisiert (Foto: D. Warder)

Mit der Entschlüsselung des Rindergenoms im Jahr 2004 boten sich auch für die Holsteinzucht neue Möglichkeiten. Die stetige Verbesserung der molekulargenetischen Methoden führte zu einer preiswerten neuen Selektionsmethode, der Typisierung von Rindern. Die hierbei betrachteten Marker, die sogenannten SNP (Single Nucleotide Polymorphism), lassen sich mit Merkmalsausprägungen in Verbindung setzen. Dies ermöglichte die Vorausschätzungen des Leistungspotentials von Rindern mithilfe genetischer Informationen.


Um die Sicherheiten der genomischen Zuchtwerte weiter zu verbessern, wurde auf europäischer Ebene eine gemeinsame Lernstichprobe unter dem Namen EuroGenomics gegründet. Sie ist mit mehr als 40.000 Bullen die größte Lernstichprobe weltweit und repräsentiert die gesamte europäische und nordamerikanische Holsteinpopulation.


Da jedoch im Informationsgehalt auch die Bullenlernstichprobe zunehmend an Grenzen stieß, wurde der Aufbau einer weiblichen Lernstichprobe angestoßen. Hier leisteten die großen Testherden in Ostdeutschland mit dem Aufbau der Kuh-Lernstichprobe (KuhL) aus 20.000 zufällig selektierten Kühen Pionierarbeit. Basierend darauf wurde 2016 mit dem deutschlandweit angelegten Projekt KuhVision eine noch größere weibliche Lernstichprobe begründet, die heute mehr als 180.000 abgekalbte Kühe umfasst. Diese Projekte waren auch die Basis für die Einführung genomischer Gesundheitszuchtwerte, die durch die zusätzliche Erfassung von Erkrankungen durch die Landwirte ermöglicht wurden. Das Projekt fand unter Züchtern einen so großen Anklang, dass die Zuchtorganisationen zusätzlich die reine Herdentypisierung (ohne Zusatzdatenerfassung) anboten, sodass heute über 17 % der Herdbuchkühe genomisch untersucht sind. Auch andere Länder wie Luxemburg oder Österreich beteiligen sich an dem Aufbau der weiblichen Lernstichprobe.