Zuchtwertschätzung




Einleitung

Deutschland hat bei der Zuchtwertschätzung eine führende Rolle. Dies gilt sowohl für die berücksichtigten Merkmale und angewendeten Schätzverfahren als auch für den Umfang und die Qualität der Daten. Das unabhängige Rechenzentrum VIT schätzt die Zuchtwerte für die gesamte Holsteinzucht nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und  unter der Kontrolle staatlicher Aufsichtsbehörden. Die Erfassung der Leistungsdaten erfolgt durch unabhängig arbeitende Organisationen der Milchleistungsprüfung. Nur in einigen Merkmalen unterstützen die Zuchtorganisationen die Datenerfassung.

Zuchtwerte werden für alle wirtschaftlich wichtigen Merkmalskomplexe geschätzt:

  • Milchleistung (Milchmenge, Fett, Eiweiß)
  • Nutzungsdauer
  • Exterieur (19 lineare Merkmale, 4 Noten)
  • Eutergesundheit (somatischer Zellgehalt)
  • Fruchtbarkeit (weibliche und männliche Fruchtbarkeit)
  • Kalbeeigenschaften (maternaler und direkter Kalbeverlauf)
  • Kälbervitalität
  • Melkbarkeit
  • Temperament

Alle Zuchtwerte werden auf einer relativen Basis mit einem Mittel von 100 und einer Standardabweichung der wahren Zuchtwerte von 12 Punkten (bei 100% Sicherheit) standardisiert. Die Skala der Relativzuchtwerte ist immer so gewählt, dass eine züchterisch erwünschte Ausprägung eines Merkmals durch einen Zuchtwert von über 100 dargestellt wird. Alle Relativzuchtwerte beziehen sich auf eine aktuelle, jährlich im Mai angepasste Basis, die von den jüngsten drei geprüften Testbullenjahrgängen gebildet wird.

Die meisten Merkmale werden mit einem BLUP-Tiermodell unter Berücksichtigung aller verwandtschaftlichen Beziehungen für die gesamte Holsteinzucht auf der Basis der zentralen Abstammungsdatei mit mehr als 50 Mio. registrierten Tieren geschätzt.



Gesamtzuchtwert

Der Deutsche Holstein Verband hat bereits 1997 einen Gesamtzuchtwert (RZG) definiert, der alle wirtschaftlich bedeutsamen Merkmalskomplexe entsprechend ihrer Gewichtung im Zuchtziel umfasst.

Die geschätzten Zuchtwerte für die vielen Einzelmerkmale werden zunächst innerhalb von Merkmalskomplexen zu Relativzuchtwerten zusammengefasst. Unter Berücksichtigung der genetischen Beziehungen der Merkmalskomplexe zueinander werden diese mit folgender Gewichtung zum RZG kombiniert:




Gesamtzuchtwert



Milchleistung (RZM)

Als erstes wichtiges Holsteinland hat Deutschland schon 1996 ein Testtagsmodell eingeführt. In einem Testtagsmodell erfolgt die Zuchtwertschätzung direkt auf der Basis der einzelnen Tagesergebnisse aus der offiziellen Milchleistungsprüfung und nicht mehr anhand von zusammengefassten oder hochgerechneten Laktationsleistungen. Der Vergleich der Tiere innerhalb derselben Herde am selben Testtag erlaubt die bestmögliche Korrektur von Umwelteffekten. Außerdem berücksichtigt das Testtagsmodell individuelle Laktationskurven. Diese liefern auch wichtige Informationen über die Persistenz aller Tiere.

 

Bereits seit über 20 Jahren werden in der Zuchtwertschätzung die Leistungen in der ersten, zweiten und dritten Laktation mit Hilfe eines Mehrmerkmalsmodell als zum Teil unabhängige Merkmale betrachtet. Dies bedeutet, dass Tiere mit der gleichen Leistungsveranlagung für die erste Laktation als ausgewachsene Tiere ein genetisch unterschiedliches Leistungsniveau haben können (Steigerungsvermögen). Seit einigen Jahren wird ein solches Mehrmerkmals-Testtagsmodell zunehmend auch international Standard.

 

Veröffentlicht wird der mittlere Zuchtwert aus Laktation 1, 2 und 3. Entsprechend dem Zuchtziel einer langlebigen Dauerleistungskuh hat damit die Leistung der ausgewachsenen Kuh über 65% Gewicht im veröffentlichten Zuchtwert

 

Da die Bezahlung der Milch in Deutschland und Westeuropa auf den Gehaltswerten, besonders auf dem Eiweißgehalt basiert, sind im zusammenfassenden Relativzuchtwert Milch (RZM) Eiweißmenge, Fettmenge und Eiweißprozente in einem Verhältnis von 75 : 20 : 5 gewichtet.



Funktionale Nutzungsdauer

Das Merkmal Nutzungsdauer beschreibt die Gesundheit und Konstitution einer Kuh. Aufgrund der hohen Bedeutung einer langen Nutzungsdauer für die Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion hat sie mit 20% die zweithöchste Gewichtung im Gesamtzuchtwert.

Damit die bessere Behandlung hoch leistender Tiere (z.B. mehr Besamungen, intensivere/längere Behandlungen) nicht zu einer Verzerrung der Nutzungsdauerzuchtwerte führt, ist das Merkmal als funktionale Nutzungsdauer definiert. Es erfolgt eine Korrektur für die unterschiedliche Behandlung anhand der Leistungsüber- bzw. -unterlegenheit innerhalb der Herde.

Das Schätzmodell beruht auf einer Lebensdaueranalyse, in die sowohl abgegangene als auch noch lebende Tiere mit ihrer bisherigen Lebensdauer einfließen. Die direkt aus diesem Modell resultierenden Zuchtwerte haben aber oft nur eine begrenzte Sicherheit. Um diese zu erhöhen, berücksichtigt der Relativzuchtwert Nutzungsdauer neben dem Zuchtwert für die direkte Nutzungsdauer zusätzlich auch Informationen zu den Hilfsmerkmalen

  • Eutergesundheit (Zellzahl)
  • Fundament (Note)
  • Kapazität (Körpertiefe)
  • Euter (Eutertiefe)
  • Kalbeeigenschaften (maternale Totgeburtenrate).

Die Gewichtung der Hilfsmerkmale hängt von ihrer Sicherheit und ihren genetischen Beziehungen zur Nutzungsdauer ab. Besonders für jüngere Bullen erhöht sich dadurch die Sicherheit des Nutzungsdauerzuchtwertes deutlich. Mit zunehmenden Verbleibe-bzw. Abgangsinformationen nimmt die Wichtung der Hilfsmerkmale kontinuierlich ab, bis schließlich der direkt geschätzte Nutzungsdauerzuchtwert alleinge Informationsquelle für den RZN ist.



Exterieur (RZE)

Die Daten für die Exterieur-Zuchtwertschätzung basieren auf der linearen Beschreibung und Bewertung von Kühen und Vergleichstieren in der ersten Laktation in allen Betrieben unter Milchleistungsprüfung. Die Testbullentöchter und Vergleichstiere werden zufällig und unabhängig vom Rechenzentrum VIT ausgewählt.

 

Zuchtwerte werden für 19 lineare Merkmale sowie für die Noten in den Merkmalskomplexen Milchtyp, Körper, Fundament und Euter geschätzt. Die Zuchtwerte der linearen Merkmale werden innerhalb der Merkmalskomplexe mit den Zuchtwerten für die jeweilige Bewertungsnote zum veröffentlichten Zuchtwert für Milchtyp, Körper, Fundament und Euter zusammengefasst. Der Relativzuchtwert Exterieur (RZE) resultiert aus der Kombination dieser vier Zuchtwerte im Verhältnis von 10 : 20 : 30 : 40.


Webgrafiken Deutsch Rze

Somatischer Zellgehalt

In Deutschland wird bei jeder Milchleistungsprüfung auch der somatische Zellgehalt ermittelt. Daher kann auch hier das moderne Mehrmerkmals-Testtagsmodell angewendet werden.

 

Eine erhöhte Zellzahl als Ausdruck akuter und chronischer Mastitis tritt in höheren Laktationen häufiger und mit einer größeren genetischen Variation zwischen Tieren auf. Deshalb erhalten die Werte aus der 2. und 3. Laktation mit jeweils 37% ein höheres Gewicht als die Zuchtwerte aus der ersten Laktation (26%). Die Skala des Relativzuchtwertes Somatischer Zellgehalt (RZS) ist so gewählt, dass Tiere, die eine züchterisch unerwünschte, hohe Zellzahl vererben, Zuchtwerte unter 100 erhalten.

 

Da der RZS als ein wichtiges Hilfsmerkmal für die Einschätzung der Nutzungsdauer verwendet wird, ist der effektive Einfluss bei der Selektion deutlich größer, als es das direkte Gewicht von 7% im Gesamtzuchtwert ausdrückt. Der RZS ist bereits seit 1997 Bestandteil des Gesamtzuchtwertes RZG.



Töchterfruchtbarkeit

Die Schätzung von Zuchtwerten für die Reproduktionsmerkmale hat in Deutschland eine lange Tradition.

Die Zuchtwertschätzung für Fruchtbarkeit basiert auf den Daten aller Besamungen und Bedeckungen. Umfang und Vollständigkeit dieser Datengrundlage sind international einmalig. In einem Mehrmerkmalsmodell werden für fünf verschiedene Merkmale der weiblichen Fruchtbarkeit aus den Komplexen Zyklusbeginn und Konzeption Zuchtwerte geschätzt. Die vier Zuchtwerte aus dem Komplex Konzeption werden zum Relativzuchtwert Konzeption zusammengefasst. Zusammen mit der Rastzeit (RZ) als Merkmal für den Zyklusbeginn bilden sie den Relativzuchtwert Töchterfruchtbarkeit RZR (R = Reproduktion) mit einer relativen Gewichtung von 75% Konzeptionsmerkmale zu 25% Rastzeit. Die Töchterfruchtbarkeit wird im Gesamtzuchtwert mit 10% gewichtet.



Kalbemerkmale

Für die Kalbeeigenschaften werden sowohl der Effekt des Bullen als Vater des Kalbes (paternal) als auch der Effekt als Vater der Kühe (maternale Abkalbeeigenschaften) geschätzt. Die gleichzeitige Berücksichtigung beider Zuchtwerte in der Selektion ist wichtig, da sie genetisch negativ verbunden sind.

Die Kälbervitalität, gemessen als Totgeburtenrate bzw. innerhalb von 48 Std. verendet, ist zwar genetisch mit dem Kalbeverlauf verbunden, aber zum Teil ein eigenes Merkmal. Es gibt durchaus Bullen mit gleichem Kalbeverlaufszuchtwert aber unterschiedlichen Werten für die Kälbervitalität.

Die maternalen und direkten Kalbezuchtwerte werden zukünftig jeweils zu einem Relativzuchtwert Kalbeverlauf maternal bzw. paternal (RZK mat/pat) zusammengefasst. Die maternalen Kalbeeigenschaften werden mit 3% im Gesamtzuchtwert gewichtet.



Weitere Zuchtwerte

Außer den Zuchtwerten, die in den Gesamtzuchtwert für Kühe und Bullen einfließen, werden auch Zuchtwerte für Melkbarkeit, Temperament und Körperkondition geschätzt. Die Daten für Melkbarkeit (RZD), Temperament während des Melkens (MVH) und Körperkondition (BCS=Body Condition Score) stammen aus der Besitzerbefragung bzw. Erfassung im Rahmen der linearen Nachzuchtbewertung. Das Mehrmerkmalsmodell für die Melkbarkeit berücksichtigt außerdem Milchflussmessungen. Die im Rahmen der Exterieurzuchtwertschätzung ermittelten BCS-Zuchtwerte sollen künftig eventuell als Hilfsmerkmal für die sicherere Schätzung der Töchterfruchtbarkeit dienen.